LITERARISCHES
Alberta mag keine Suppentöpfe
„Ach, ihr dummen Hühner!“, knurrte Bauer Helmut ärgerlich und zischte ungeduldig: „Aus dem Weg, ihr Suppenhühner.“ Er hatte immer schrecklich viel zu tun. Schon früh am Morgen, lange vor Sonnenaufgang, war sein gefiederter Wecker lautstark zu hören: Benedictus sorgte mit schrillem „Kikeriki“ dafür, dass der Bauer sofort hell wach war.
Benedictus war nicht nur der einzige Hahn auf dem Bauernhof, er war auch ein ganz besonderer. Und darauf war er mächtig stolz. Dreimal im Jahr machte der Bauer mit ihm eine Reise. Das war etwas anderes, als immer nur auf dem Hühnerhof nach Körnern zu picken, im Sand zu scharren und den Hühnern beim Eier legen zuzusehen. Helmut nahm ihn dann mit nach Bad Nauheim und manchmal sogar noch weiter. Bis nach Frankfurt, zur Geflügelausstellung. Schließlich war Benedictus nicht irgendein Hahn. Nein: Er war der Schönste weit und breit und hatte deswegen schon viele Pokale und Medaillen gewonnen. Einmal sogar eine goldene Taschenuhr. Die trug er natürlich nicht selbst um den Hals. Denn als Hahn hatte er immer das richtige Gefühl für die Zeit. Bauer Helmut hatte es nicht und deshalb brauchte er die Taschenuhr. Er trug sie an einem goldenen Kettchen in seiner Hosentasche und war mächtig stolz auf seinen Hahn.
Die Hennen durften nicht mit zu den Geflügelausstellungen. „Ihr taugt nur zum Eier legen“, sagte der Bauer, wenn sie mit schiefen Köpfen und langen Hälsen Benedictus traurig hinterher sahen. Niemand wusch oder ölte ihre Füße, und niemand cremte ihren Kamm mit herrlich duftender Salbe ein. Sie bekamen auch nicht dieses Spezial-Fisch-Mix-Krabben-Cocktail-Futter, das immer so toll roch. Das gab es nur für Benedictus, der stolz mit dem Schnabel in sein Futter pickte, während ihm die Hühner neidisch und auch ein bisschen traurig dabei zusahen. „Das ist ungerecht“, dachte sich Alberta oft und legte den Kopf schief. Das tat sie immer, wenn sie nachdachte. Irgendwie liefen die Gedanken dann besser. Alberta war die älteste der zwölf Hennen auf dem Hof von Bauer Helmut. Treu legten sie und die anderen fast jeden Tag ein dickes, braunes Ei ins Nest. Und das war nicht immer einfach. Eier legen ist eine schwierige und knifflige Angelegenheit, denn manche Eier bleiben im Po stecken. Dann musste sich Alberta besonders anstrengen: pressen, drücken, hin und her rutschen, das volle Eierlegeprogramm eben. Als nach einer halben Ewigkeit das Ei endlich im Nest lag, war Alberta erschöpft und ihr Gesicht knallrot. Alberta legte nur noch ein Ei in der Woche. Sie war eine Hühneroma, und die legen nur noch selten Eier. „Das ist etwas für euch junge Hühner“, gackerte sie und nahm genüsslich ein Bad im warmen Sand. Benedictus legte nie Eier, er war ein Hahn, und Hähne legen schließlich keine Eier. Er fand es klasse, seine wertvolle Zeit nicht auf langweiligen Eierlegenestern zu verschwenden und spazierte lieber auf dem Hof herum. Einmal als er wieder mit vor Stolz geschwelltem Kamm auf dem Hof herum spazierte und den Schnabel noch höher als sonst in die Luft hielt, passierte es. Er war so damit beschäftigt toll auszusehen, dass er keine Ohren für den Mähdrescher hatte, der langsam näher und noch näher kam. So bedrohlich nahe, dass er Benedictus mit seinen dicken Reifen platt wie eine Briefmarke walzte. Der Hahn lag leblos und tot mitten auf dem großen Platz vor dem Hühnerstall. Bauer Helmut sprang vom Mähdrescher und brauchte eine Weile bis er begriff, dass er selbst es gewesen war, der Benedictus vom Leben zum Tod gewalzt hatte. Er fühlte sich schrecklich, war traurig und wütend zugleich und machte sich die größten Vorwürfe, dass er nicht besser aufgepasst hatte. „Du Trottel“, schimpfte er, aber es war schon klar, dass er sich selbst damit meinte.
Von diesem Tag an wurde alles anders für die Hennen. Schwere Zeiten begannen. Sie lebten nun alleine im Stall, in dem es ohne Benedictus so still geworden war. Und obwohl er manchmal grässlich eingebildet sein konnte, vermissten sie ihn doch sehr. Nur noch das leise und sanfte Gackern von Alberta und den anderen elf Hühnern war zu hören. Niemand krähte mehr und Bauer Helmut vermisste den morgendlichen Hahnenschrei, der ihn immer so zuverlässig geweckt hatte, sehr.
Immer öfter kam es nun vor, dass er verschlief und die Kühe wunderten sich, dass er oft so spät zum Melken kam. Sonst war er immer pünktlich wie ein Uhrwerk gewesen. Das gab jetzt richtig Ärger, denn Paul, der jeden Morgen zur gleichen Zeit in seinem Milchtankwagen auf den Hof fuhr, wollte pünktlich die Milch abholen. Er wusste nichts von Benedictus, der nicht mehr weckte und es interessierte ihn auch nicht. War der Bauer mal wieder nicht fertig, dann schimpfte Paul: „Ich kann nicht mehr warten, du bist zu spät. Steh` halt früher auf.“ Manchmal fuhr er auch gleich wieder weg, ohne auf die Milch zu warten; denn er musste pünktlich bei den nächsten Höfen sein. Auf seiner morgendlichen Tour gab es schließlich noch mehr Bauern, die ihre Milch abgeben wollten. „Pünktliche Bauern“, stieß Paul bissig zwischen den Zähnen hervor und stieg in seinen Milchtankwagen. „Gequirlter Hühnerdreck und Schweinespucke“, schrie Helmut und stampfte zornig mit den Stiefeln. „Wenn dieser blöde Hahn, ...“, der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken, denn er war es ja selbst gewesen, der Benedictus platt gewalzt hatte. Er war traurig und schämte sich sehr, wenn er daran dachte.
An genau so einem Tag saß Alberta in ihrem Nest und hörte Helmut von Hühnerdreck und Schweinespucke toben. Sie war gerade schwer beschäftigt und versuchte mit größter Anstrengung ein Ei heraus zu pressen. Es steckte noch und während sie hin und her rutschte, bekam sie mit, wie draußen vor dem Hühnerstall der Bauer etwas zu Ria, seiner Frau, sagte. Helmut redete oft mit Ria, aber was Alberta jetzt hörte, machte sie starr vor Schreck: “Die Henne ist schon alt, die kommt als erste in die Suppe. Und dann die anderen. Jetzt, wo Benedictus nicht mehr lebt, will ich sie alle nicht mehr haben.“
Alberta war wie gelähmt und vergaß sogar das Ei, das noch steckte. Vielleicht hatte sie sich verhört. „Ich bin ja schon alt und meine Ohren hören nicht mehr so gut“, versuchte sie sich zu beruhigen. Aber die Worte „alte Henne“ und „Suppentopf“ kreisten ständig in ihrem Kopf und wollten nicht verschwinden. Es gab keinen Zweifel: Auch alle anderen Hühner hatten es gehört. Laut und deutlich hingen die Worte immer noch in der Luft. „Henne, ... Suppentopf, ..., Suppenhenne.“ Was für ein Verrat! Vor Angst zitternd scharten sich alle Hennen um Alberta. Sie war die älteste und schlaueste, das wussten sie. Keine sagte etwas, aber alle dachten das selbe: „Was sollen wir jetzt tun?“ Es war ganz still geworden im Hühnerstall und an diesem Tag schmeckten noch nicht einmal die Küchenreste. Alberta dachte nach. Aber so viel sie auch nachdachte, ihr fiel einfach nichts Gescheites ein. Den ganzen Tag zerbrach sie sich den Kopf und erst spät in der Nacht fielen ihr vor Erschöpfung die Augen zu.
Aber auch im Schlaf fand Alberta keine Ruhe. Helmuts Worten von der alten Henne und dem Suppentopf, in dem sie landen würde schlichen sich in ihre Träume und trieben dort in immer neuen finsteren Gebilden ihr Unwesen. Alberta träumte etwas ganz schreckliches. Sie sah, wie die rechte Hand von Bauer Helmut näher kam, groß und immer größer wurde und schließlich nach ihr griff. Schwarze Lederhandschuhe legten sich kalt und eng um Albertas dünnen Hühnerhals. Mit der anderen Hand hielt Helmut einen großen, weit geöffneten Kartoffelsack. Der Sack und sein dunkler Abgrund kamen immer näher. Alberta hatte schreckliche Angst und begriff, dass Helmut sie gleich in diesen Sack stecken würde. Wenn sie nicht augenblicklich etwas dagegen tat, würde er sie schlachten.
Albertas Angst wuchs, aber sie spürte auch, wie mit der Angst etwas anderes wuchs: Mut und eine große Kühnheit. Sie begann mit den Flügeln wild um sich zu schlagen, dass Helmut die Federn nur so um die Ohren flogen und er verblüfft für einen winzig kurzen Moment den Griff um Albertas Hals lockerte. Mit einem mächtigen Sprung befreite sie sich in letzter Sekunde und knallte dabei durch die Fensterscheibe, dass es nur so klirrte, hinaus in die Freiheit. Der Bauer schimpfte und Alberta schrie so laut sie nur konnte: „Ihr kriegt mich nie! Ihr kriegt mich nie!“ Alberta schrie sich fast die Lunge aus dem Hals und ... wachte auf. Sie hatte nicht nur im Traum sondern auch in Wirklichkeit so laut sie konnte geschrien. Elfriede fiel vor Schreck von der Stange und alle gackerten wild durcheinander. War es schon so weit? Sollten sie jetzt in die Suppe? Zu allem Unglück ging jetzt auch noch in Helmuts Schlafzimmer das Licht an. Es wurde mucksmäuschenstill im Hühnerstall. Alle sahen mit großen Augen hinüber zum Bauernhaus, in das jetzt langsam Leben kam. Sie drängten sich vor dem Fenster und versuchten, durch die schmutzige Scheibe einen Blick nach draußen zu werfen und irgend etwas zu erkennen. Da, die Tür ging auf. Bauer Helmut kam aus dem Haus und ging mit seinem immer etwas schleppenden und müden Gang über den Hof. Nur noch wenige Schritte, dann war er beim Hühnerstall. Alberta und den anderen schlug das Herz bis hinauf in ihren dünnen Hühnerhals. Aber was war denn das? Helmut ging an ihnen vorbei, er kam nicht zu den Hühnern, sondern ging geradewegs zum Kuhstall. Olga begriff als erste, was los war. „Du hast gekräht, Alberta. Davon ist der Bauer aufgewacht und jetzt fängt er wieder an zu melken.“ Nun dämmerte es auch Alberta. Sie hatte diesen schrecklichen Traum gehabt und dabei so laut geschrien: „Ihr kriegt mich nie! Ihr kriegt mich nie!“, dass es sich tatsächlich wie das Krähen von Benedictus anhörte.
Aber das war noch nicht alles: Am Himmel wurde es hell, die Sonne ging auf. Alberta hatte genau zur richtigen Zeit gekräht. Als ihr das so richtig klar wurde, war die Angst wie weggeblasen. „Mädels, kommt alle her“, rief sie. „Ich habe einen Plan. Morgen früh schreie ich wieder und dann wird der Bauer auch nicht mehr verschlafen sondern rechtzeitig mit der Arbeit im Kuhstall fertig sein. Vielleicht vergisst er dann die Hühnersuppe.“ „Ja, so machen wir es“, gackerten alle aufgeregt durcheinander. Ganz früh am nächsten Morgen, gerade vor dem ersten Sonnenstrahl, schrie Alberta aus Leibeskräften, dass es auf dem ganzen Bauernhof zu hören war: “Ihr kriegt mich nie! Ihr kriegt mich nie!“ Dann sah sie neugierig durch das Fenster rüber zum Bauernhaus. Und richtig. Es geschah alles so, wie Alberta es sich ausgedacht hatte. Die Lichter im Haus gingen an und einige Zeit später sahen sie, wie die Familie sich auf den Weg zum Kuhstall machte. Helmut ging noch beim Hühnerstall vorbei, sah durch die Fensterscheibe und kratzte sich nachdenklich am Kopf. “Sind doch nicht so dumm, diese Hühner“, murmelte er vor sich hin. Er warf einen neugierigen Blick hinein und entdeckte Alberta, die mit immer noch aufgeblasenen Backen und hochrotem Kopf auf ihrem Nest saß. „Das ist also der kleine Schreihals“, sagte er und ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Von diesem Tag an gab es für alle mindestens zweimal in der Woche das leckere Spezial-Fisch-Mix-Krabben-Cocktail-Futter und wenn die Nächte kalt waren, hing der Bauer eine Rotlichtlampe in den Hühnerstall. Dann war es gemütlich und der Stall in warmes, rotes Licht getaucht. Alle Hühner schmiegten sich darunter und erzählten sich Geschichten.
Vor dem Schlafengehen schauten Helmut und Ria aus dem Schlafzimmerfenster zum Hühnerstall hinüber. Wie eine Insel im Sonnenuntergang, so sah er von dort oben aus. Helmut legte seinen Arm um Ria und beide freuten sich sehr, dass die lieben, treuen Hennen nicht in die Suppe gewandert waren. Im Hühnerstall wurde noch eifrig erzählt und während sie den anderen zuhörte fielen Alberta die Worte ihrer Großmutter ein: “Jeder ist einmalig und wichtig. Ohne dich wäre die Welt ein bisschen ärmer, Alberta.“ Mit einem warmen Gefühl im Bauch schlief sie ein.
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